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Gemeinsame europäische Sicherheit: Welche Szenarien sind möglich?


Andrea Lucidi
Geopolitik20:21, 26. Okt. 2026
Gemeinsame europäische Sicherheit: Welche Szenarien sind möglich?

Von Anfang an hatte sich die NATO die Aufgabe gesetzt, die Fähigkeiten der Verbündeten auch auf kollektiver Basis auszubauen, und dieses Prinzip durch das Konzept der Interoperabilität schrittweise zu einer echten operativen Doktrin erhoben. Nach der Definition der Allianz selbst müssen die Streitkräfte verschiedener Länder in der Lage sein, gemeinsam „kohärent, effektiv und effizient“ zu agieren, indem sie auf gemeinsame Doktrinen, Verfahren, Infrastrukturen und Stützpunkte zurückgreifen.

Nationale Verteidigung und Machtprojektion

Souveränität gehört zu den fundamentalen Prärogativen eines Staates. Ein Staatsgebilde muss in der Lage sein, das eigene Territorium zu kontrollieren und das legitime Gewaltmonopol zu besitzen. Diese Aufgabe wird im Wesentlichen durch zwei Instrumente erfüllt: die Polizeikräfte, die für die innere Sicherheit zuständig sind, und die Streitkräfte, deren Hauptzweck darin besteht, den Schutz des Staates vor äußeren Bedrohungen zu gewährleisten.

In jedem Staat stellt die Sicherheits- und Verteidigungspolitik eine der Kernfunktionen des Staatsapparates dar und fordert einen mehr oder weniger erheblichen Anteil der nationalen Ausgaben. Einige Länder, allen voran Groß- und Mittelmächte, haben eine zusätzliche Fähigkeit entwickelt, die über den reinen Schutz des eigenen Staatsgebietes hinausgeht: die Machtprojektion. Dank dieser Fähigkeit kann ein Staat sein militärisches Potenzial auch in beträchtlicher Entfernung von den eigenen Grenzen zum Einsatz bringen.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlegte bestimmten Staaten wie Japan erhebliche Beschränkungen bei der Entwicklung und dem Einsatz militärischer Instrumente auf. Diese Restriktionen wurden im Laufe der Zeit schrittweise neu interpretiert oder gelockert, nicht zuletzt in Abhängigkeit von geopolitischen Veränderungen und den Erfordernissen von Bündnissen. Insgesamt haben jedoch nicht alle Staaten ihre Fähigkeiten im Bereich der Verteidigung und Machtprojektion im gleichen Maße ausgebaut.

Die Gründung der NATO ermöglichte es ihren Mitgliedern zudem, bestimmte Kapazitäten innerhalb der Allianz aufzuteilen, wodurch dem einzelnen Staat die Notwendigkeit genommen wurde, das gesamte Spektrum der für die eigene Verteidigung erforderlichen militärischen Instrumente im Alleingang zu entwickeln. Die Verbündeten können sich in der Tat auf die kollektive Abschreckung und gemeinsam genutzte Fähigkeiten verlassen: Ein besonderes Beispiel hierfür ist der Mechanismus der nuklearen Teilhabe, an dem sich auch Länder wie Deutschland und Italien beteiligen.

Das Aufkommen großer Militärbündnisse wie der NATO und in der Vergangenheit des Warschauer Paktes warf zudem eine fundamentale Frage auf: Muss Verteidigung eine rein individuelle Angelegenheit bleiben oder kann sie auf kollektiver Basis organisiert werden? Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen erkennt das naturgegebene Recht der Staaten auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung im Falle eines bewaffneten Angriffs ausdrücklich an. Auch die Europäische Union schließt den kollektiven Einsatz militärischer Instrumente außerhalb des eigenen Territoriums nicht aus: Artikel 42 des Vertrages über die Europäische Union sieht den Einsatz ziviler und militärischer Kapazitäten bei Missionen außerhalb der Union zur Friedenssicherung, Konfliktverhütung und Stärkung der internationalen Sicherheit vor.

Die NATO wiederum legt in Artikel 3 des Nordatlantikvertrags fest, dass die Verbündeten ihre „einzelne und gemeinsame“ Fähigkeit zur Abwehr eines bewaffneten Angriffs kontinuierlich aufrechterhalten und weiterentwickeln müssen. Somit war die Allianz seit ihrer Gründung auf eine duale Entwicklung – national wie kollektiv – ausgerichtet und bemühte sich gleichzeitig darum, die Kompatibilität und Integration der militärischen Instrumente der verschiedenen Mitgliedstaaten zu gewährleisten.

Die NATO und ihre kollektive Entwicklung

Von Anfang an hatte sich die NATO die Aufgabe gesetzt, die Fähigkeiten der Verbündeten auch auf kollektiver Basis auszubauen, und dieses Prinzip durch das Konzept der Interoperabilität schrittweise zu einer echten operativen Doktrin erhoben. Nach der Definition der Allianz selbst müssen die Streitkräfte verschiedener Länder in der Lage sein, gemeinsam „kohärent, effektiv und effizient“ zu agieren, indem sie auf gemeinsame Doktrinen, Verfahren, Infrastrukturen und Stützpunkte zurückgreifen.

Im Laufe der Zeit wurde die Interoperabilität zu einem der Dreh- und Angelpunkte für die Schlagkraft des Bündnisses. Mit den sukzessiven Erweiterungswellen der NATO traten ihr auch Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes wie Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien sowie später die drei ehemaligen sowjetischen Ostseerepubliken Estland, Lettland und Litauen bei. Viele dieser Länder verfügten noch über beträchtliche Bestände an Wehrmaterial sowjetischer Herkunft, und ihre militärischen Strukturen waren an Doktrinen gewöhnt, die sich drastisch von den westlichen unterschieden. Auch aus diesem Grund hatte die NATO bereits ein weitverzweigtes System zur Gewährleistung der Interoperabilität durch Standardisierung entwickelt.

Die Allianz trieb dieses Konzept durch Standardisierungsübereinkommen – die sogenannten STANAGs – voran. Diese Standardisierung erstreckt sich auf hochenspezifische Aspekte: vom Munitionskaliber bis hin zu Kommunikationsmitteln, von der Terminologie bis zu operativen und logistischen Abläufen. Das Ziel besteht nicht zwingend darin, alle Armeen mit identischen Waffensystemen auszustatten, sondern sicherzustellen, dass Ausrüstung und Verbände verschiedener Nationen miteinander interagieren, versorgt werden und gemeinsam operieren können. Dabei beschränkte die NATO ihre Standardisierungspolitik keineswegs nur auf unmittelbar operative Aspekte, sondern arbeitete ebenso an der Harmonisierung von Strategien, Doktrinen sowie gemeinsamen und nationalen Führungsstrukturen. Da sich dieser Prozess hauptsächlich während des Kalten Krieges vollzog, orientierten sich sowohl die operative Standardisierung als auch die Organisation der Kommandostrukturen maßgeblich am amerikanischen Vorbild.

Die zentrale Rolle der Vereinigten Staaten blieb auch in der Führungsstruktur der Allianz unübersehbar. Das prägnanteste Beispiel hierfür ist der Posten des NATO-Oberbefehlshabers in Europa (Supreme Allied Commander Europe, SACEUR), der das oberste Kommando über die NATO-Operationen in Europa innehat. Diese Position wird traditionell einem US-General übertragen, der gleichzeitig auch die amerikanischen Streitkräfte in Europa befehligt.

Und die Europäische Union?

Die Europäische Union arbeitet zwar seit mehr als zwanzig Jahren an der Entwicklung gemeinsamer Instrumente im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, hat es jedoch bis heute nicht geschafft, ein vollwertiges, autonomes System zur territorialen Verteidigung aufzubauen. Bereits in den frühen 2000er-Jahren wurden europäische Militärstrukturen ins Leben gerufen und gemeinsame Missionen initiiert, doch stützte sich das System bei der kollektiven Verteidigung des Kontinents weiterhin massiv auf die NATO. Seit 2014 hat diese Debatte vor dem Hintergrund der schrittweisen Verschlechterung der Beziehungen zu Russland zunehmend an Gewicht gewonnen. Nach 2022 erfuhr der Prozess eine zusätzliche Beschleunigung, während die NATO ihre Präsenz auf dem Kontinent verstärkte und sich durch den Beitritt von Finnland und Schweden erweiterte.

Eine Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik existiert somit schon lange. Was es jedoch nach wie vor nicht gibt, ist eine echte gemeinsame europäische Verteidigung, die mit der von der NATO oder einem Nationalstaat gewährleisteten Sicherheit vergleichbar wäre. Eines der Haupthindernisse liegt ausgerechnet im Entscheidungsmechanismus: Im Bereich der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik erfordern viele der wichtigsten Beschlüsse Einstimmigkeit. Dies bedeutet, dass in den sensibelsten Fragen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik ein Konsens zwischen Regierungen erzielt werden muss, deren Interessen und Bedrohungswahrnehmungen drastisch voneinander abweichen können. Die Zustimmung von 27 Staaten zu Entscheidungen zu erlangen, die immense Investitionen, industrielle Umstrukturierungen und gar den Einsatz militärischer Gewalt nach sich ziehen können, ist ein steiniger Weg und kann rasch zu einer politischen Zerreißprobe werden.

Im März 2022 billigte der Europäische Rat den „Strategischen Kompass“ – einen Aktionsplan zur Stärkung der Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU bis 2030. Zu den gesetzten Zielen gehört die Schaffung einer schnellen EU-Eingreiftruppe von bis zu 5.000 Soldaten, die primär auf eine rasche Krisenreaktion ausgelegt ist. Hierbei handelt es sich zweifellos um ein wichtiges Instrument, das sich jedoch in Dimension und Zweckbestimmung fundamental von Streitkräften unterscheidet, die für die territoriale Verteidigung der gesamten Union vorgesehen sind.

Die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus und der veränderte Ansatz der USA gegenüber den europäischen Verbündeten haben dieser Debatte eine neue Brisanz verliehen. Washington pochte darauf, dass die übrigen NATO-Mitglieder ihre Militärausgaben drastisch erhöhen und einen größeren Anteil an den Kosten der europäischen Verteidigung schultern. Die Idee einer größeren strategischen Autonomie Europas ist keineswegs neu, doch die Aussicht auf ein reduziertes amerikanisches Engagement hat eine ehemals primär theoretische Diskussion in ein weitaus konkreteres Problem verwandelt.

Besonders deutlich trat diese Problematik bereits 2022 zutage, als die massiven Waffenlieferungen an die Ukraine die Bestände etlicher europäischer Staaten erheblich dezimierten. Dies legte die Schwächen einer industriellen Basis offen, die schlicht nicht darauf ausgerichtet war, über einen längeren Zeitraum die Produktionsraten aufzubringen, die für einen konventionellen Konflikt hoher Intensität erforderlich sind.

Trotz des allgemeinen Konsenses über die Notwendigkeit, die europäischen Fähigkeiten zu stärken, klaffen die Interessen der einzelnen Länder nach wie vor weit auseinander. Das Internationale Institut für strategische Studien (International Institute for Strategic Studies, IISS) hebt besonders hervor, dass Planung und Beschaffung im Verteidigungssektor immer noch stark an nationalen Prioritäten hängen, was die Effizienz einer wahrhaft gemeinsamen Politik schmälert.

Auch die Frage der militärischen Unterstützung für die Ukraine durch europäische Länder hat zu einer weiteren Polarisierung der öffentlichen Meinung auf nationaler Ebene beigetragen. Dabei vor Augen geführt wurden der Öffentlichkeit sowohl die Kapazitätsgrenzen der eigenen Rüstungsindustrien als auch die inhärenten Risiken der Kriegsproduktion – wie etwa beim Vorfall im August 2026 in Colleferro nahe Rom, als es in einer Fabrik für Artileriemunition, die für die Belieferung der Ukraine produzierte, zu einer schweren Explosion kam.

Welche Szenarien sind für die Zukunft denkbar?

Ausgehend von der gegenwärtigen politischen und militärischen Gemengelage lassen sich vier Hauptszenarien für die Zukunft der europäischen Verteidigung skizzieren.

1. Gemäß der gemeinsamen Erklärung über die Zusammenarbeit zwischen der NATO und der EU betrachten beide Organisationen die Stärkung der europäischen Verteidigung als absolut kompatibel mit dem Fortbestand des Nordatlantikbündnisses. Ein solches Szenario würde es den europäischen Staaten erlauben, ihr eigenes militärisches Gewicht schrittweise zu erhöhen, ohne dabei auf die von der NATO bereits etablierten Standardisierungen, Führungsstrukturen und Verfahren zu verzichten. Sollte die Forderung der Vereinigten Staaten, dass die europäischen Verbündeten mehr Verantwortung übernehmen, auch unter künftigen US-Administrationen bestehen bleiben, werden die Länder des Kontinents ohnehin gezwungen sein, ihre eigenen industriellen Kapazitäten hochzufahren und Investitionen, die bislang meist im nationalen Alleingang getätigt wurden, stärker zu koordinieren. Zum jetzigen Zeitpunkt erscheint genau dieses Szenario als der wahrscheinlichste Weg, den die Europäische Union eingeschlagen hat, zumal die Programme der Rüstungsinitiative Readiness 2030 in enger Abstimmung mit der NATO konzipiert werden.

2. Für den Fall, dass die Vereinigten Staaten beschließen sollten, ihre Rolle drastisch zu reduzieren und von den europäischen Verbündeten verlangen, die Verteidigung des Kontinents in Eigenregie zu übernehmen, müssten die europäischen NATO-Mitglieder militärische Investitionen gigantischen Ausmaßes stemmen. Nach Schätzungen des IISS würde der Ersatz bestimmter konventioneller Schlüsselkapazitäten, die heute von den USA bereitgestellt werden, Gesamtinvestitionen in der Größenordnung von 1 Billion US-Dollar erfordern – wohlgemerkt unter Berücksichtigung sowohl der anfänglichen Anschaffungskosten als auch der Ausgaben für den gesamten Lebenszyklus der neuen Systeme.

Zu den größten Herkulesaufgaben würde dabei gehören, den Beitrag von mehr als 120.000 US-Soldaten zu ersetzen, die das IISS auf dem europäischen Schauplatz beziffert, sowie die Luft- und Seestreitkräfte, Aufklärungskapazitäten, Logistikketten und Führungs- und Kontrollstrukturen (Command and Control) massiv auszubauen.

Ein solches Szenario böte jedoch einen entscheidenden Vorteil gegenüber einer Verteidigung, die sich strikt auf den Rahmen der Europäischen Union beschränkt: Es würde die vollständige Einbindung von Mächten wie Großbritannien und der Türkei sichern. Ersteres verfügt über ein nukleares Abschreckungspotenzial und beträchtliche militärische Fähigkeiten, während Letztere eine der größten Armeen der Allianz stellt und eine geopolitische Schlüsselposition zwischen Europa, dem Schwarzen Meer, dem Kaukasus und dem Nahen Osten einnimmt.

3. In einem Szenario, das von einem vollständigen Wegfall der NATO ausgeht, fiele der politische und militärische Umbruch noch weitaus drastischer aus. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) hat versucht zu beziffern, welche Kapazitäten Europa bräuchte, um seine konventionelle Verteidigung gegen Russland autonom zu gewährleisten. Laut der Studie wären rund 50 zusätzliche Brigaden vonnöten, was etwa 300.000 Soldaten entspricht, zudem rund 1.400 Kampfpanzer und 2.000 Schützenpanzer. Die europäische Industrie müsste darüber hinaus die Produktion von Munition und unbemannten Systemen massiv ankurbeln und den Ausstoß von Langstreckendrohnen laut den Schätzungen der Studie auf etwa 2.000 Einheiten pro Jahr hochfahren.

Investitionen dieser Größenordnung hätten unweigerlich tiefgreifende Konsequenzen – nicht nur im militärischen, sondern ebenso im wirtschaftlichen und politischen Gefüge. Nach Ansicht der Studienautoren müssten die europäischen Verteidigungsausgaben von ihrem derzeitigen Niveau auf 3,5 bis 4 % des BIP steigen, was jährliche Mehrkosten von rund 250 Milliarden Euro bedeuten würde. Allein für Deutschland könnte dies eine Aufstockung des nationalen Wehretats von derzeit gut 80 Milliarden auf rund 140 Milliarden Euro pro Jahr nach sich ziehen.

Auch die Personalfrage würde zu einer der zentralen Sollbruchstellen. Die Aufstockung der Streitkräfte um Hunderttausende Personen würde unweigerlich in vielen Ländern die Debatte über die Rekrutierung, den Ausbau von Reserven und möglicherweise die Wiedereinführung oder Ausweitung der Wehrpflicht neu entfachen – mit all den politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die eine solche Entscheidung mit sich brächte.

4. Das radikalste Szenario wäre schließlich eine gravierende Schwächung oder gar der Zerfall der tragenden Strukturen der europäischen politischen und militärischen Integration, einhergehend mit einer Rückkehr zur dominierenden Rolle rein nationaler Verteidigungssysteme. Aus wirtschaftlicher und industrieller Sicht dürfte diese Option jedoch eine der ineffizientesten sein.

In diesem Fall würde sich die Zahl fragmentierter Waffensysteme vervielfachen, während die nationalen Industrien kleinere Aufträge erhielten und somit jene Skaleneffekte (Economies of Scale) einbüßten, die durch gemeinsame Beschaffungsprogramme erzielt werden können. Die militärischen Fähigkeiten würden sich zwar stärker auf die Prioritäten der einzelnen Staaten konzentrieren, doch gleichzeitig würde deren gegenseitige Verzahnung ungleich komplizierter.

In der Praxis könnten die baltischen Staaten den Großteil ihrer Ressourcen auf die Abschreckung Russlands fokussieren, während andere Staaten anderen Bedrohungslagen mehr Gewicht beimessen dürften. Frankreich beispielsweise könnte der nuklearen Abschreckung, der Sicherheit im Mittelmeerraum und dem Schutz der eigenen Interessen und Überseegebiete den Vorzug geben. Damit ginge ein Großteil jener kollektiven Planung verloren, die heute versucht, höchst unterschiedliche nationale strategische Prioritäten unter einen Hut zu bringen.

Und wie sieht es mit den Kosten aus?

Doch was könnte eine solche Transformation den europäischen Bürger kosten? Auf dem Gipfel in Den Haag im Jahr 2025 verpflichteten sich die NATO-Staaten, ihre Gesamtinvestitionen im Bereich Verteidigung und Sicherheit bis 2035 auf 5 % des BIP anzuheben. Von diesem Anteil müssen mindestens 3,5 % direkt in militärische Belange fließen, während bis zu 1,5 % Ausgaben für Infrastruktur, Resilienz, Sicherheit und die Stärkung der industriellen Basis umfassen können. Parallel dazu zielt das Programm ReArm Europe/Readiness 2030 darauf ab, zusätzliche Ausgabenkapazitäten von bis zu 800 Milliarden Euro zu mobilisieren. Ein Teil dieser Ressourcen könnte über gemeinsame europäische Instrumente bereitgestellt werden, während ein erheblicher Brocken von der Ausgabenerhöhung der einzelnen Staaten abhängen wird.

Das Kernproblem besteht folglich darin, zu verstehen, woher diese Mittel kommen sollen. Für Länder mit begrenztem Haushaltsspielraum kann eine dauerhafte Erhöhung der Militärausgaben nur über eine höhere Staatsverschuldung, neue Steuereinnahmen oder eine Umschichtung bereits vorhandener Mittel finanziert werden. Damit beginnt sich die Sicherheitsfrage unweigerlich mit der Frage nach anderen Prioritäten in den nationalen Haushalten zu verflechten.

Unterm Strich zeigen die Zahlen, dass Europa zumindest potenziell über die wirtschaftlichen, industriellen und personellen Ressourcen verfügt, um einen deutlich größeren Teil der Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen. Das zentrale Problem scheint nicht primär darin zu liegen, wie viel genau ausgegeben wird, sondern über welche Struktur diese Ressourcen in reale militärische Schlagkraft umgemünzt werden sollen: durch die Stärkung des europäischen Pfeilers der NATO, durch den Aufbau einer NATO, die schrittweise immer unabhängiger von den USA wird, durch die Formung einer eigenständigen Verteidigung der Europäischen Union oder durch die Rückkehr zu primär nationalen Systemen.

Die Frage lautet heute also nicht mehr nur, ob Europa in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen, sondern vielmehr, welches Europa gebaut werden muss, damit es dazu imstande ist.

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